Gedicht zum Samstag #02: Andre Rudolph, destruktive interferenz


 

destruktive interferenz

 

 

dass wir relativ komplexe wesen sind,

siehst du zum beispiel am morgen,

wenn du über eine rolltreppe läufst,

die steht, dein körper sich aber

noch an ihre fahrenden stufen erinnert,

so dass du unmerklich schwankst ...

 

wenig später ist der bahnhof längst

außer sichtweite, und der typ, der dir

gegenübersitzt, versucht vergeblich, eine

compact disk aus ihrer haut zu schälen,

die den titel healing harmony trägt.

jetzt hält er sie ans ohr, scheint ihrem

versilberten herzschlag zu lauschen. –

ich sehe es auch, das herz, wie es

auf der spiralbahn des datenträgers

von innen nach außen die pits und

lands abscannt, bis es einmal ganz durch-

gelaufen ist – und steht. nennen wir es,

wie es ist: destruktive interferenz.

(das alles ist völlig sinnlos und gegen

die natur.)

 

auf der straße, die parallel zur bahn-

strecke verläuft, fahren die autos

noch mit der alten, soliden klang-

walzentechnik; unterm spielkamm

der lider. ihr klingendes, berührtes, un-

ausgesetztes zucken ...

 

nebenbei schreibe ich jetzt übrigens,

in der bahn, an einem aufsatz

über die nebenwirkungen des

enzyms invertase, das unsre augen

steuert und alles, was wir sehen,

in feinen fruchtzucker ver-

wandelt. meine jüngsten erfolge:

endlich habe ich der zeit eine un-

befristete anstellung verschaffen

können, in meiner firma. sie arbeitet

sich gerade ein. ich selbst mache

eigentlich die meiste zeit gar nichts,

und auch das fällt mir schwer.

 

eben hat der zug seinen zielbahnhof

erreicht.

 

[aus: Andre Rudolph, confessional poetry, Luxbooks Labor)