23.08.2012 Norbert Lange "Das Schiefe..." in der NZZ


Norbert Langes «Kunstkammer»-Gedichte

Fein geschliffene Wortbeilchen

von Michael Braun 
Kunstkammern, wie sie zuerst in der Renaissance entstanden, waren ursprünglich Universalsammlungen, die nicht nur Artefakte unterschiedlichster Herkunft präsentierten, sondern auch rare Alltagsobjekte und exotische Materialien. Die «Kunstkammer» des Dichters Norbert Lange folgt einem ähnlichen Konzept. Sie versammelt in ihren drei Abteilungen nicht nur Gedichttypen, Schreibweisen und Tonarten unterschiedlichster Couleur, sondern sucht in den einzelnen Gedichten auch den direkten Bezug auf die «Urschriften» der Dichtung.Der 1978 geborene Norbert Lange versteht seine Poesie als «Quellenkunde», als das Freikratzen und Übermalen kanonisch gewordener Urtexte, deren Energien der Dichter durch Konfrontation des historischen Stoffs mit Materialien der Gegenwart entbinden will. Diese Quellen findet er bei den Merseburger Zaubersprüchen ebenso wie in der Ursonate von Kurt Schwitters, vor allem aber in den Rhapsodien der amerikanischen Poeten Charles Olson und Jerome Rothenberg. Langes neuer Gedichtband lässt bereits mit der Sperrigkeit seines Titels erahnen, dass es hier nicht um gefällige Stimmungspoesie geht, sondern um eine intensive Auseinandersetzung mit historischer Sprachmaterie. «Das Schiefe, das Harte und das Gemalene»: Beim flüchtigen Hinsehen mag «das Gemalene» als orthographischer Patzer erscheinen. Es verweist indes auf die Affinität des Autors zum «Gemalten», die sich in wuchtigen Gemäldegedichten manifestiert, etwa in einem äusserst suggestiven Gedicht zum «Knochenmann» Hans Holbeins. Und es spielt mit der Wortgeschichte des «Gemâlenen», das im Mittelhochdeutschen das Zermalmen von Steinen oder Nahrung meint.
Am Anfang des Gedichtbandes überrascht uns Lange mit einem «Taglied», das in zarten, tastenden Fügungen vom Erwachen der Sinne am Morgen handelt, von einer poetischen Osmose zwischen dem lyrischen Ich und einer Welt, die immer mehr in den Bann der Digitalisierung gezogen wird. Solche liedhaften Verse setzt Lange immer wieder in scharfem Kontrast zu seinen hart gefügten Standfotos und Collagen deutscher Unheilsgeschichte. Im Gedicht «Ein Foxtrott nicht» werden etwa die Vokabulare und Bildwelten des Flugzeugbaus, der Waffentechnologie, der Vogelwelt und der Ölbild-Komposition eng miteinander verknüpft. Bilder aus der militärischen Sphäre stehen direkt neben Metaphern des Sentiments: «aus der Waffenkammer / hüpft der Kummer». In ihren harten Schnitten, Montagen und Übermalungen erinnern die Gedichte bisweilen an die «Schädelmagie» des 2005 verstorbenen Thomas Kling, mit dem Norbert Lange befreundet war. Dann wieder bezaubert der Autor mit «blitzend fein geschliffnen Wortbeilchen» und ganz leichthändigen Alltagsbildern. In dieser «Kunstkammer» gibt es viel zu entdecken: kryptische Geschichtscollagen, zarte Lieder und magische Dinggedichte.
Das Original ist hier nachzulesen: http://mobile.nzz.ch/fein-geschliffene-wortbeilchen-1.17512137